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Gefährliches Alter? Jugendkriminalität unter der Lupe
Kinder und Jugendliche
Zwei deutsche Professoren wollen es ganz genau wissen: Warum werden junge Menschen kriminell? Welche Delikte begehen sie? Und: Werden es, wie die deutschen Medien gerne in schauerlichen Bildern zeigen, immer mehr? Um Antworten zu bekommen, fragten sie die, die es wissen müssen: 5.300 Kids in Münster und Duisburg. Was sie ihnen erzählten, wird viele überraschen.
Wissenschaftliche Präzision schafft neue Fakten Im Jahr 2000 starteten die Professoren Klaus Boers vom Institut für Kriminalwissenschaften der Universität Münster und Jost Reinecke, Soziologe an der Universität Bielefeld eine beachtliche Studie. In der beschaulichen Universitätsstadt fanden sie 1.900 Dreizehnjährige, die ihnen jahrelang ausführliche Fragebogen beantworten wollten, in Duisburg erklärten sich 3.400 junge Menschen dazu bereit. Damit schufen sie neue Tatsachen.

Deutsche Medien zeigen gerne Jugendliche, die Gewalt-, Sex- und Drogen-Exzessen verfallen sind. Sieht man genauer hin, so ist diese Generation friedfertiger als die, der die meisten Medienleute angehören. Denn Fakt ist: Die Jugendkriminalität geht seit dem Ende der 1990er zurück. Sogar bei schweren Eigentumsdelikten oder Raub sind weniger Jugendliche zu finden als früher. Das scheint im Widerspruch zu den Zahlen der Polizei zu stehen, die eine stetige Zunahme der Körperverletzungen belegen. "Sie nehmen aber bei den direkt befragten Jugendlichen ab" meint Boers und erklärt diesen nur scheinbaren Widerspruch damit, dass Körperverletzungen heute häufiger angezeigt würden als früher und die Polizei dank verstärkter Präventionsarbeit viel mehr darüber erfahre. Zudem sei inzwischen auch der Versuch der Körperverletzung strafbar, was die Zahlen in die Höhe treibe.

 

Tatbestände und Aussagen

Die detaillierten Auskünfte der Jugendlichen sorgen für einige Überraschungen. So fühlen sie sich in der Schule und auf dem Schulweg sicher. Damit entlarven sie die Medien, die diese oft als Schauplätze von Gewaltverbrechen verkaufen, als sensationslüstern. Denn in der Schule passiert heute dasselbe wie gestern: Diebstahl und Sachbeschädigungen. In der Tat Besorgnis erregend sind die Angaben zu Alkohol und Drogen. Ein Drittel der 16-Jährigen aus Münster gibt an, öfter als einmal im Monat betrunken zu sein. Jeder fünfte nimmt mindestens fünfmal pro Jahr Marihuana oder Haschisch. Die Wissenschaftler sehen darin ein großes Problem, da Gewalt häufig nach Alkohol- und Drogenkonsum ausbricht. Dennoch sind Gewaltdelikte die seltensten Verbrechen der Jugendlichen. Die meisten gehen Gewalt aus dem Weg, nur 14 Prozent lassen sich in Konfliktsituationen dazu hinreißen.

 

In Versuchung bringt sie das Eigentum Anderer: Ladendiebstahl gestanden bis zu einem Fünftel der Befragten. Insgesamt sind Diebstähle bei den Jugendlichen das häufigste Verbrechen. Im Schnitt begingen 23 Prozent Einbrüche, Kfz- und Automaten-Aufbrüche, Fahrraddiebstahl und sonstige Gaunereien. Spitzenreiter beim Diebstahl waren Internet-Raubkopien. Mehr als 35 Prozent holten sich illegal Filme, Musik und Programme aus dem Netz. Raub mit Gewalt und Waffen ist in der realen Welt mit drei bis vier Prozent hingegen die Ausnahme. Mehr müssen Häuserwände und U-Bahnen leiden: 19 Prozent der Jugendlichen gaben an, sie mit Graffiti und Scratching zu beschädigen.

 

Was macht Teenager kriminell?

Dazu gehört viel: Soziale Benachteiligungen wie schlechte Bildung, geringes Einkommen der Eltern, schlechte Wohnviertel mit hoher Arbeitslosigkeit ist für alle problematisch. Einheimische Jugendliche sind dann ebenso wie die aus Migrantenfamilien besonders gefährdet. Letztere tauchen aber in der Polizeistatistik und im Gefängnis im Vergleich zu den hier geborenen deutlich häufiger auf. Das liege an einem größeren Anzeige- und Verurteilungsrisiko für die jungen Migranten, meinen die Professoren. Denn ihre Studie belegt, dass sie bei den meisten Delikten weniger auffällig als deutsche sind und nur bei Gewaltkriminalität einige herausstechen.

 

Problematisch bewerten die Experten Gewaltspiele und –filme: "Der Inhalt der meisten Gewaltspiele, insbesondere der Ego-Shooter, ist Besorgnis erregend" sagt Reinicke, obwohl die Studie belegt, dass die allermeisten Spieler zwischen realer und virtueller Welt sicher unterscheiden können. Aber: "Gewaltmedien können sich bei gewaltsam oder übertrieben streng erzogenen Jugendlichen etwas negativer auswirken." Deutliche Auswirkungen hat erstaunlicherweise das Alter. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die meisten Straftäter 14 Jahre alt sind. Mit 15, 16 nimmt die Bereitschaft, den sozialen Regeln zu folgen, zu. Dabei sind Jungen deutlich häufiger mit dem Gesetz in Konflikt als Mädchen. Beides – der Rückgang nach dem 15. Lebensjahr sowie der auffällig höhere Anteil männlicher Jugendlicher – gilt auch für die besonders problematischen Täter, die Mehrfach- oder Intensivtäter. Diese begehen fünf oder mehr Delikte im Jahr, aber viele hören damit von sich aus auf.

 

Dieses Phänomen ist für die Experten aus Münster und Bielefeld ein Schlüssel für den Umgang mit dem Problem. Es bestätigt ihre Aussage, dass milde Strafen hilfreicher als harte oder einschüchternde sind. Die seien bereits in den USA im besten Falle wirkungslos, meistens kontraproduktiv. Mehrere Institutionen wie Jugendhilfe, Schule, Therapie, Polizei und Justiz müssten sich abstimmen und vernetzen, die Täter differenziert betrachten - zum Beispiel nach Delikten, Tätergruppen und sozialer Umgebung – und danach ihre Maßnahmen ausrichten. Boers ist optimistisch, das Problem Jugendkriminalität wenn auch nicht ganz lösen so doch mildern zu können: "... mit einer Kombination aus gezielter Tatbearbeitung, Täter-Opfer-Ausgleich, Aufbau des Norm- und Rechtsbewusstseins, Neugestaltung tragfähiger sozialer und beruflicher Bindungen und nicht zuletzt einer zurückhaltenden Sanktionierung."

 

Literatur

Delinquenz im Jugendalter: Entstehung, Verlauf, Präventivmaßnahmen
Waxmann Verlag, Münster 2007 (ISBN 978-3-8309-1769-4)

 

Quelle: Goethe-Institut, Online-Redaktion
 
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