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Teheran Revolutionsstraße
Buchtipp

 

Cheheltan, Amir Hassan

Teheran Revolutionsstraße

 

VON KURT SCHARF 

Dieses Buch ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich. Der Roman wurde in persischer Sprache geschrieben, aber zuerst auf Deutsch veröffentlicht; das Original kann aus politischen Gründen vorerst nicht in Iran erscheinen. Dafür ist das Buch hierzulande so erfolgreich, dass der Verleger es bereits wenige Wochen nach seinem Erscheinen in einer zweiten Auflage herausbrachte.

 
Ungewöhnlich ist das Buch auch deshalb, weil der Autor das Geschehen aus der Sicht der Personen darstellt, die er kritisiert. Er versetzt sich in die Anhänger der islamischen Revolution. Dank Ironie und Sarkasmus ist "Teheran Revolutionsstraße" trotz aller Bitterkeit nicht nur packend und bedrückend, sondern auch unterhaltsam. Bezeichnend ist der Originaltitel, der wörtlich übersetzt lautet: Die Moral der Leute aus der Revolutionsstraße. 


Der Autor liefert ein lebendiges und differenziertes Porträt des nachrevolutionären Teheran. Seine Erzähltechnik ist perfekt - er führt den Leser mitten ins Geschehen: Gleich zu Beginn wohnen wir einer Operation zur Wiederherstellung eines Jungfernhäutchens bei. Ausgeführt wird sie von einem der Helden des Romans, einem Angehörigen der Teheraner Unterschicht, der als Arzt tätig wird. 
Begonnen hat er seine Laufbahn als Lieferant eines Schnapshändlers. Danach brachte er es, durch Krankenschwestern angelernt, vom Putzmann in einem Krankenhaus zum Pfleger und als eifriger Anhänger der Revolution auch ohne Medizinstudium zum Operateur, ja sogar zum Chef einer zweifelhaften, aber wirtschaftlich erfolgreichen Klinik. 


Er verliebt sich in die Patientin und will sie heiraten. Dem widersetzt sich jedoch ein anderer Revolutionär, ein Folterer, aber Vertreter einer jüngeren Generation und Altersgenosse des Mädchens. Die Männer überbieten sich gegenseitig an Skrupellosigkeit und Grausamkeit, treten dabei jedoch als gute Muslime auf. 


Die Mutter des erwähnten "Doktors" ist hingegen eine ambivalente Gestalt. Einerseits fühlt sie sich der islamischen Revolution verpflichtet, andererseits verspürt sie Mitleid mit deren Opfern. Der fromme Großvater des jüngeren Bewerbers stellt staunend fest: "Gut, dass die Leute noch einen Glauben haben, nach all dem Unheil, das man im Namen der Religion und des Buches über sie gebracht hat." Die junge Frau, um die es geht, ist in ihrer Ausgeliefertheit ein Symbol der iranischen Gesellschaft. 


Vom ersten Absatz an besticht die Verbindung von genauer Beobachtung, kritischer Beschreibung und einer Ironie, die die Heuchelei der bigotten Revolutionäre gnadenlos aufs Korn nimmt. Der Autor schildert menschliche Einzelschicksale vor dem Hintergrund globaler Politik wie der Besetzung der amerikanischen Botschaft in Teheran oder des irakisch-iranischen Krieges. 
Drastisch ist die Beschreibung Teherans mit seinem wimmelnden chaotischen Verkehr, erschütternd sind die Bilder aus dem für politische Häftlinge bestimmten Gefängnis Evin. 


Die Lektüre von "Teheran Revolutionsstraße" führt den westlichen Leser in eine ihm fremde Welt und vermittelt ihm ein besseres Verständnis des aktuellen Geschehens, das die internationale Öffentlichkeit immer noch in Atem hält. Sie überzeugt ihn, auch wenn die Übersetzung die sprachliche Eleganz des Originals nicht ganz erreicht, davon, dass die iranische erzählende Literatur den Anschluss an die Moderne gefunden hat und hinter der europäischen oder amerikanischen nicht zurücksteht.

 

Leseprobe:


Was Fattah auch immer tat, er konnte nicht einschlafen. Ständig rollte er sich von der einen auf die andere Seite und blickte aus den Augenwinkeln zum Fenster, auf die Ecke, an der der Vorhang beiseite geschoben und der Himmel sichtbar war. Der Morgen wollte nicht kommen. Zuvor hatte er zwar schon ein, zwei Gläschen Wodka gekippt, die aber nicht gewirkt hatten. Sie hatten ihn lediglich schwindlig gemacht, das war’s!

Das Mädchen erschien für einen Augenblick und verschwand wieder, es betrachtete ihn, und seinen Lippen entwich eine Art bläulicher Dunst. Sie war kein Mädchen, sondern Balsam fürs Herz, mit jenen schwarzen Augen, die er im Rückspiegel gesehen hatte; insbesondere, wenn der Wagen über die Schlaglöcher fuhr, und sie vor Schmerz die Brauen verzog und sich auf die Unterlippe biss, wobei ihr alles Blut, das in ihrem Körper kreiste, in die Wangen zu steigen schien. In dieser späten Herbstnacht empfand er nach all den Jahren, in denen er die Mädchen auf das Bett seiner Klinik verfrachtet und ihre Jungfernhäutchen vernäht hatte, plötzlich eine gewisse Reue und Scham, dass er mit den Händen zwischen die Schenkel dieses einen Mädchens gefahren war, und das war ein neues Gefühl. Viele Jahre war das seine Arbeit gewesen; er spreizte die Schenkel der Mädchen auf dem schmalen Bett, stülpte mit zwei Fingern die Schamlippen um, fügte die Ränder des zarten Gewebes zusammen und vernähte ihre verlorene Jungfräulichkeit. Es war ihm jedoch nie passiert, dass er sich in eine von ihnen verguckt hätte. In dieser Nacht besuchte er nicht einmal Ssahar in ihrem Appartement. Er hatte keine Lust, sondern wälzte stattdessen verworrene Gedanken. Immer wieder stand er auf und rauchte in der Dunkelheit eine Zigarette, starrte in die finsteren Winkel des Zimmers und sah nur sie, die jedes Mal, wenn sich ihre Blicke trafen, mit unschuldiger Keuschheit den Kopf neigte, die Lider senkte und sich an der Wand von ihm entfernte, als tadele sie Fattah für das, was er ihr angetan hatte.
Er hatte Maschallah nicht mehr aufgesucht, als sei nicht die Sängerin diejenige, die er suchte, und als seien all die langen Jahre der Sehnsucht nur aus dem einen Grund verstrichen, damit er sich eines Tages, kurz vor seinem Vierzigsten, derjenigen, die ihr so sehr ähnelte, das heißt in Wahrheit ihrer Jugend ähnelte, bemächtigen könnte. Er hatte viele Frauen und Mädchen gehabt, aber keine von ihnen hatte ihn mit nur einem Blick, einem Seufzer, einem verschämten Lächeln oder etwas Ähnlichem derart überwältigen können. Je mehr Zeit in den vergangenen Tagen verstrichen war, desto stärker empfand er diese Überwältigung.

Und dann fiel ihm eine ähnliche Empfindung ein, eine ferne Erinnerung, vermutlich, weil sie monatelang dieselbe Ungeduld hervorgerufen hatte, nur ein einziges Mal, und jetzt, nach so vielen Jahren, von neuem?
Er ging aufs Gymnasium, und sie war die Nachbarstochter, lernte auf dem Flachdach für die Schule, setzte sich auf die steinerne Dachwalze und lehnte sich an die Lehmmauer des Dachzugangs. Der Tschador fiel ihr auf die Schultern. Das Haar schwarz und seiden; wenn sie darüber strich, sprühte es Funken und schillerte in außergewöhnlichen Regenbogenfarben. Wenn sie lächelte, blitzte die regelmäßige Reihe ihrer blanken Zähne durch den Spalt ihrer hellroten Lippen auf. Ihre hellen Fußknöchel bewegten sich langsam, mit Gummilatschen, die an ihren Füßen klebten, in einer gleichmäßigen Kreisbewegung. Der Fünfzehnjährige hatte Mühe zu schlucken, der Atem stockte ihm in der Brust und sein Herz hämmerte ungestüm. Er betrachtete sie von der Veranda seines Hauses aus.

Das Mädchen hob manchmal den Kopf von seinem Buch, ein verschwommenes Lächeln, ein vager Blick, es strich sich übers Haar und blickte dann wieder auf das Buch. Die Elektrizität hing noch Augenblicke in der Luft. Wenn die Schmetterlinge auf sie zu flogen, schloss sie die Augen, hob den Kopf und wendete sich der Sonne zu. Ein Falter setzte sich auf ihr Augenlid und flog wenig später, nachdem er sich an der Süße gelabt hatte, die aus ihren Poren drang, davon und der Sonne entgegen. Es war Ende Frühling, die Bäume hingen voller Kirschen. Das Mädchen streckte die Hand vom Dach aus, ergriff mit den Fingern ein Blatt und zog den Zweig zu sich heran. Das Blatt riss ab, der Zweig schnellte zurück, Staub wirbelte auf, das Mädchen nieste, ein Duft von Mandarinen und eine feuchte Brise breiteten sich aus.
Fattah kletterte von der Veranda aufs Dach. Er stieg über eine niedrige Mauer, die die beiden Dächer voneinander trennte. In der Hand trug er einen langen Holzstecken. Als das Mädchen ihn erblickte, erhob es sich. Dabei geriet die Luft in Bewegung und wieder jener Duft von Mandarinen und die feuchte Brise.
Fattah verankerte den Stecken im Kirschzweig und zog ihn heran. Der Zweig senkte sich auf den Stampflehm des Dachs. Das Mädchen pflückte eilig die Kirschen und schüttete sie in einen Zipfel ihres Tschadors. Fattah ließ den Zweig los. Eine Frau trat aus dem Dunkel eines Zimmers ans Fenster, »Mahroch … Mahroch!«

Mahroch biss sich auf die Lippe und spähte von der Dachkante hinab. Die Frau am Fenster fragte, »Was war das für ein Geräusch?« Mahroch sagte, »Nichts, Mama! Es war die Katze.«

Dann setzten sich die beiden in den Schutz des Dachzugangs. Fattah lehnte sich an die Ziegelmauer. Mahroch streckte die Hand aus und strich ihm eine Strähne aus der Stirn. Sie lächelte. Sie hob die Kirschen einzeln auf, entstielte sie und schob sie zwischen ihre Lippen. Einen Augenblick wendete sie sie zwischen den Lippen, dann sog sie sie ein und zerdrückte sie mit den Zähnen. Der Saft der Kirschen sickerte durch ihre Lippen, und tröpfelte, während ihre Kiefer langsam mahlten, in ihre Mundwinkel. Tiefrote Lippen! Ihre Augenlider hoben sich, ihr Blick blitzte, gesättigt von der Süße der Kirschen, und eine Glückseligkeit wogte wie ein seltenes Gefühl im ungeduldigen Herzen des Jünglings. Sie streckte die Hand aus und nahm eine weitere Kirsche.

Fattah starrte sie mit halboffenem Mund an, blinzelte unvermittelt und atmete hastig; er bekam wohl keine Luft mehr. Plötzlich wurde die Hoftür laut zugeschlagen. Mahroch sprang auf. Sie streckte die Hand warnend in die Höhe. Dann das Geräusch von schlurfenden Schritten auf den Kacheln des Innenhofs! Mahroch sagte, »O weh, mein großer Bruder!« Sie hatte sich erschreckt. Ihre Brüste zeichneten sich verschwommen auf ihrem dünnen Kleid aus Seidenbatist ab, und ihre Poren verströmten einen merkwürdigen Duft. Dann legte sie Fattah beide Hände auf die Schultern, »Geh, geh nach Hause. Pass auf, dass dich keiner sieht!«

 

Amir Hassan Cheheltan, *1956 Teheran, 1976 erster Erzählband, „Ehefrau auf Zeit“, 1979 Durchbruch als Schriftsteller mit „Am stummen Fenster“. Er beendet sein technisches Studium in England. Wehrdienst, Irakkrieg (1980-88). Während des Krieges erster Roman, „Die Klage um Qassem“, der jedoch erst 2002 unter strengen Auflagen erscheinen darf. 2 Jahre mit Frau und Kind als Writer in Residence in Certaldo/Italien: der Roman „Teheran, Stadt ohne Himmel“ entsteht. 2001 kehrt der Autor nach Teheran zurück: Filmskript zu „Cut! Verbotene Zone“ (2004). Sein letzter Roman „Iranische Morgenröte“ wird 2007 für den Staatlichen Buchpreis nominiert, wogegen er sich wegen der häufigen Publikationsverbote (vergeblich) verwahrt. Insgesamt wurden bisher sechs Romane und fünf Erzählbände veröffentlicht.
In Deutschland ist Cheheltan durch die scharfsichtigen und scharfzüngigen Feuilletons zur Lage im Iran bekannt (seit 2004 in der Frankfurter Allgemeinen und in der Süddeutschen Zeitung). Von 2001 bis 2004 Mitglied im Vorstand des Iranischen Schriftstellerverbands. Er lebt mit Frau und Sohn in Teheran.
Amir Hassan Cheheltan auf der website des Künstlerprogramms des DAAD

 
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